Eritrea in einer Identitätskrise

Eritrea wird diesen Sonntag vierundzwanzig und befindet sich inmitten einer Sinnkrise, die es gilt zu überwinden. Eine feste nationale Identität fängt an zu schwinden, während die eritreische Diaspora durch den wachsenden Flüchtlingsstrom der letzten Monate sich vor allem in Europa ausbreitet. Die Medien berichten ausführlich von den täglichen Schiffbrüchen im Mittelmeer, eine langfristige Lösung gegen den Menschenhandel und den instabilen Regierungen vor denen die Menschen flüchten gibt es nicht.

Jedoch soll dieser Text sich weniger auf den Massmord von Flüchtlingen fokussieren, als auf die akute „Quarter-Life-Crisis“ des eritreischen Regimes aufmerksam zu machen. Während die Unabhängigkeit vom Nachbarstaat Äthiopien erst am 24. Mai 1993 per Referendum (unter Beobachtung der Vereinten Nationen) bestätigt und damit offiziell wurde, feierte die Eritreische Volksbefreiungsfront, unter der Führung von Isaias Afewerki, bereits zwei Jahre zuvor das Ende eines gewaltsamen dreißigjährigen Krieges mit der Einnahme Asmaras. Seither regiert Afewerki das junge Land mit einer zunehmenden Isolation vom Westen als auch vom Horn von Afrika, und sorgt damit für eine Instabilität in der Region die jederzeit eskalieren kann.1

Aber auch die inländische Zerrissenheit der Bevölkerung sorgt dafür, dass die Führung unter Afewerki zu bröckeln beginnt. Basierend auf einen Bericht des Human Right Watch, einer regierungsunabhängigen Organisation, flüchten monatlich rund 4.000, vorwiegend junge, Eritreer. Allein 2014 sollen ca. fünf Prozent das Land verlassen haben, Schätzungen zufolge befindet sich rund ein Fünftel der Bevölkerung in der Diaspora2, vor allem in Nordamerika und Europa.

Berichten zufolge, kommentierte Präsident Afewerki die verschärfte Lage im Land, dass es weder eine Demokratie noch ein Mehrparteiensystem geben wird, und sich Bürger diese doch woanders suchen sollen. Die US-amerikanische Nachrichtenorganisation CNN spricht derweilen von einem Regime, welches seine Bevölkerung regelrecht versklavt.
Zu Beginn der elften Klasse werden Jungen und Mädchen nach Sawa, eine Stadt im Westen Eritreas nahe der Grenze zu Sudan, zu einem rigorosen Militärtraining geschickt. In erbärmlichen Zuständen und Wüstenwetter werden die Jugendlichen an die Waffen gezwungen. Dies ist Voraussetzung um die Hochschulreife zu erlangen. Zeitgleich werden die Schüler auf ihren Nationaldienst vorbereitet. Mittlerweile werden alle Bürger zwischen 18 und 65 Jahren zum Militärdienst berufen, denn ein Krieg um die Unabhängigkeit des Landes könne jeden Moment ausbrechen. So könnte das Argument des Präsidenten lauten.

Der Nationaldienst kann verschiedene Formen annehmen, vornehmlich aber gilt es die zerstörte Infrastruktur aus der italienischen Kolonialzeit wieder aufzubauen. Die Bürger werden im Straßenbau eingesetzt oder auch in Unternehmen, die verstaatlicht wurden. Ein Hungerlohn von rund 80 Nakfa im Monat soll den körperlichen und psychischen Aufwand entschädigen.

Junge Eritreer entscheiden sich deshalb immer öfter, den weiten und harten Weg nach Europa zurückzulegen. Ein Leben in Sklaverei und Angst ist kein Leben. Die Resignation im eigenen Land führt dazu, dass sie Folter, Vergewaltigungen, und illegalen Organhandel über sich ergehen lassen. Wenigstens versucht man der Freiheit die der Westen verspricht entgegen zu laufen, ob man dabei stirbt oder im eigenen Land umkommt, ist irrelevant.

Das eritreische Regime lässt keine oppositionelle Meinung zu, regierungskritische Äußerungen führen einen direkt ins Gefängnis—ohne eine gerechte Gerichtsverhandlung oder offizielle Begründung. Sogar in den eigenen Rängen werden die Stimmen gegen Afewerki immer lauter, aber auch diese verschwinden spurlos oder verlassen das Land. Eine ganze Nation fürchtet sich gegen den Mann zu stellen, der Eritrea in die Unabhängigkeit führte, auch wenn Afewerki offensichtlich nicht gedenkt das Land wirtschaftlich oder gesellschaftlich voranzubringen.

Im Gegenteil—die Militarisierung der Sekundarbildung, die Versklavung einer ganzen Bevölkerung durch den unbefristeten Wehrdienst, als auch das Nichtvorhandensein der Presse-und Meinungsfreiheit führt zu einem kompletten Stillstand des Staates. Die UN-Sanktionen der eritreischen Regierung 2008, sowie die angespannten diplomatischen Beziehungen zur EU und den USA tun ihr übriges zu der Isolierung Eritreas.

Die internationalen Medien bezeichnen Eritrea oftmals als „das Nordkorea Afrikas,“ jedoch besitzt das Land weder atomare Waffen, noch wird das Land von einer künstlich erschaffenen Dynastie geleitet. Jedoch kann man den Größenwahnsinn des Diktators Kim Jong-Il und seines Sohnes Kim Jong-Un gleichsetzen. Dennoch sollten die Medien sich weniger auf die Isolation fokussieren als auf die humanitäre Katastrophe die sich am Horn, in der Sinai-Region und am Mittelmeer großflächig entfaltet.

Die Lösung? Die Vereinten Nationen sollten aggressiv gegen das Regime vorgehen, Sanktionen auferlegen die sich weniger auf den Terrorismus in Somalia beziehen3, sondern auf den inländischen Terrorismus in Eritrea selbst. Die diplomatischen Beziehungen zwischen der EU und Eritrea, als auch die zwischen den USA und Eritrea stehen seit 2013 komplett still. Diese sollten zunächst nicht neu aufgenommen werden, sonder generalüberholt und neu durchdacht werden. Während Präsident Clinton Afewerki für seine Erfolge im Aufbau des Landes in den 90ern gelobt hatte, kann man in 2015 davon gar nicht mehr sprechen. Afewerki sprach vom Grenzkonflikt von einem Militärcoup und Stellvertreterkrieg der USA, eine irrationale wenn auch teils legitime Annahme. Ein Coup d’État von eritreischen Soldaten Anfang 2013 scheiterte an der Durchführung.

Der Westen ist dafür bekannt autokratische Regierungen durch die finanzielle und militärische Unterstützung zu infiltrieren. Was hält ihn davon ab dasselbe in Eritrea zu tun? Die geopolitische Lage des Landes ist wertvoll, der Zugang zum roten Meer durch die Hafenstädte Massawa und Assab ebenfalls. Vielleicht liegt es an den Eritreern selbst? Die Bevölkerung kann sich nicht öffentlich äußern, deren Meinung kaum einem bekannt. Jedoch spricht die Zahl der Flüchtlinge für sich. Nicht nur die Schleuser müssen zur Verantwortung gezogen werden, sondern die Regierungsführer. Allen voran Isaias Afewerki.

Eritrea befindet sich mit 24 in einer tiefen Identitätskrise und sollte sich langsam von Vergangenem trennen, um als eine Nation voranzukommen. Die innere Zerrissenheit führt zu Anfeindungen zwischen Eritreern (vor allem in der Diaspora), statt zur Vereinigung der diversen ethnischen, religiösen und politischen Gruppen. Andernfalls wird das Land Eritrea in seiner Form nicht lange existieren, eine Realität die fatal wäre.


  1. Der Grenzkonflikt mit Äthiopien, der zwischen 1998 und 2000 zum Krieg beider Länder führte ist auch in 2015 ungelöst. Während Eritrea mit UN-Sanktionen für die Unterstützung islamistischer Rebellen in Somalia bestraft wurde, genießt die äthiopische Regierung die Freiheit noch immer die Region um die Stadt Badme einzunehmen und für sich zu beanspruchen, trotz geltenden UN-Beschluss von 2002 der Eritrea die Stadt zugesprochen hat. 
  2. Während rund 500.000 eritreischer Abstammung während des Krieges zwischen 1961 und 1991 das Land verließen, befinden sich etwa genauso viele in den Nachbarstaaten Äthiopien und Sudan, seit der Unabhängigkeit. Dazu kommen die Kinder und somit als zweite Generation der Ausländer gelten. Genaue Zahlen sind unbekannt. 
  3. Das bedeutet nicht, dass die Unterstützung von al-Shabaab und anderen jihadistischen Gruppierungen nicht sanktioniert werden sollte. Jedoch sollte das eritreische Regime für jede weitere Menschenrechtsverletzung im Land ebenfalls zur Verantwortung gezogen werden.