Vorwurf der politischen Propaganda: eine Stellungnahme

Dieser Text ist eine Fortsetzung zu Eritrea in einer Identitätskrise. Ich hatte vergangenen Sonntag die Ehre, meinen Beitrag bei der Veranstaltung You, Me, And Our Neighbors vorzulesen, um vor allem deutsche Bürger mit Informationen über Eritrea zu erreichen. Ziel war es aber auch Deutsch-Eritreer an einem öffentlichen Dialog teilhaben zu lassen. Dieses Ziel wurde teilweise erreicht, dennoch war ich überrascht mit Widerstand in Form einer regierungskonformen Person konfrontiert zu werden. Dieser hat mir nachträglich auf der Eventseite die auf Facebook öffentlich zugänglich ist politische Propaganda vorgeworfen. Dieser Beitrag ist eine Stellungnahme zu den Vorwürfen und gibt mir die Möglichkeit ein paar Punkte aufzugreifen und aufzuschlüsseln:

Ich bin in einem freiheitlichen, demokratischen Staat geboren und wurde von kleinauf von liberalen Werten geprägt und vor allem sensibilisiert. Ich bin Eritreerin bei Leib und Seele, Eritrea mein Mutterland, aber ich habe auch Wurzeln in Äthiopien, die ich jedoch nie aktiv verfolgt habe aus privaten Gründen. Mehr muss ich dazu nicht sagen, außer dass ich auch einen gewissen Stolz für dieses Land hege. Für Eritreer unverständlich, für mich ganz normal.

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Artikel 5 (1), GG ist ein Menschenrecht das nicht jedem Menschen gewährt wird, jedoch ist man als deutscher Bürger dazu berechtigt seine Freiheit vollends zu nutzen. Ob der Beitrag nun regierungskritisch gegenüber der eritreischen Autokratie ist, sei dahin gestellt. Ich äußere mich auch über die kontinuierliche Ignoranz der CDU-Parteispitze zur Gleichstellung der Ehe. Das ist auch regierungskritisch. Macht es mich damit zu einem Staatsfeind der Bundesrepublik Deutschland? Ich glaube Kanzlerin Merkel wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich ihr sage, dass ihr Bauchgefühl absolut nichts mit der Realität homosexueller Paare in Deutschland zu tun hat.

Präsident Afewerki würde mich aber bei meiner Einreise nach Eritrea festnehmen, mich foltern und wohl im Gefängnis krepieren lassen. Da die Verfassung von 1997 von der eritreischen Regierung nie ratifiziert wurde, gibt es so etwas wie Meinungs- und Pressefreiheit nicht.

Ich fühle mich nicht bedroht, aber ich bin mir sicher unter ständiger Beobachtung zu stehen, zumindest virtuell. Das ich einen Meinungskommentar von solchem Kaliber in solch Transparenz und Zugänglichkeit veröffentliche und auf den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter diese auch bereitwillig und mehrmals teile, scheint wohl den regierungsfreundlichen Personen, die als Informanten oder gar Spione auftreten schwer aufzustoßen. So hätte die Stasi im 21. Jahrhundert aussehen können.

Die Nachfrage auf welche Quellen bzw. Aussagen ich mich beziehe ist deshalb irrelevant, wenn sie vor allem verlässlich und/oder offiziell sind. Meine Beobachtungen wurden vor der Verfassung des Meinungskommentars über Jahre hinweg kritisch analysiert und reflektiert bevor ein solcher Beitrag überhaupt möglich war. Im Rahmen meines geisteswissenschaftlichen Studiums habe ich zudem mehrmals verschiedene Aspekte eritreischer Politik der letzten 50 Jahre beleuchtet und darüber geschrieben1. Die Interpretation zu meinen Ergebnissen können unterschiedlich ausfallen, wie man am Sonntag deutlich wahrnehmen konnte.

Jedoch habe ich in dem Kommentar (weniger im Vortrag) versucht, nicht nur sachlich die offenliegenden und belegten Fakten darzustellen, sondern vor allem aber neutral zu bleiben. Wenn man aber nicht nur als Journalist, sondern als aktiver deutscher Bürger mit Migrationshintergrund auftritt, dessen Wurzeln in ebendiesem Land liegen dann kann die Fassade bröckeln. Vielleicht soll sie es ja auch. Emotion und Empathie sind ein großer Teil meiner Persönlichkeit und wenn ich mich öffentlich darstelle, dann möchte ich mich nicht verstellen.

Eine produktive Diskussion zu leiten war demnach unmöglich, weniger weil ich von Emotionen geleitet wurde sondern von zwei weiteren Deutsch-Eritreern die sich demonstrativ gegen diese Person gestellt haben. Problematisch wurde es als die Emotionen der zwei Männer dann Überhand nahm und somit eine Debatte schlichtweg zum Bashing der Beiden ausartete.

Genau dieses Verhalten hat im Grunde aber mein Argument der Zerrissenheit innerhalb der eritreischen Bevölkerung (in der Diaspora) bestätigt. Eine (informelle) Unterhaltung über die Probleme im Land zu führen ist schlichtweg nicht realisierbar. Man stelle sich mal vor, eritreische Politiker im Land hätten diese Macht. Unvorstellbar in einem demokratischen Staat, in dem hitzige Debatten während der Legislaturperiode völlig normal sind und auch öffentlich ausgetragen zu werden.

Warum zu psychologischer und/oder physischer Gewalt greifen, wenn man eine Meinung vertritt die nicht konform mit der Regierungspartei ist? Warum wird man als Journalist oder als Blogger an den Pranger gestellt, wenn man Fakten ans Tageslicht bringt? Ich wühle mich tagtäglich durch die Propaganda der nationalen, internationalen, regierungsfreundlichen und regierungsunabhängigen Medien, um die Wahrheit aufzudecken und in meinen eigenen Aufzeichnungen einzubetten. Vor allem mache ich das derzeit in deutscher Sprache, weil das Repertoire auf Deutsch eben sehr gering ist. Ich grenze mich damit von anderen Journalisten ab, die meist auf Englisch über Eritrea berichten und somit sich einfacher verbreiten lassen. Ich habe überhaupt kein Problem meine Berichte auf Englisch zu verfassen (bis dato waren sie vorwiegend in ebendieser Weltsprache), aber somit erleichtere ich den Informationszugang für Deutsche die ein erhöhtes Interesse an den Ursachen der Flüchtlingsströme haben.

tl;dr: Ich bekam tolles und vor allem durch die Bank weg positives Feedback. Ich mach weiter, der Freiheit wegen.

Edit: Während der Verfassung des Textes wurden die Kommentare der regierungskonformen Person auf der Eventseite gelöscht.


  1. Keine dieser Arbeiten wurden bis dato veröffentlicht, da sie wissenschaftlicher Natur sind und auf eine Überarbeitung und Weiterführung warten.